Schulanfang

Wir alle kennen doch das Gefühl, eine Woche vor Schulbeginn wie auf Nadeln zu sitzen.
In den Ferien gewöhnt man sich an daran, lange wegzugehen, oder vor dem Fernseher vor sich hingammeln zu können. Lange zu Schlafen steht genauso auf dem Programm, wie diverse Festivals zu besuchen und deshalb ist es umso grausamer, nach zwei Monaten aus diesem nahezu perfektem Leben herausgerissen und in den Schullalltags-Trott wieder hineingeworfen zu werden.

Ich gebe zu, es kann vorkommen, dass einem zwischen der vierten und fünften Ferienwoche langweilig wird und man damit beginnt, die Menge an Fliegen zu zählen, die es sich auf dem eigenen Fensterbrett gemütlich machen. Aber wenn ich ehrlich bin, zähle ich lieber Eintagsfliegen, die mich morgen nicht mehr belästigen werden, sondern deren nächste Generation, als eine Mathe-Schularbeit zu schreiben und das sollte meine Mathelehrerin, falls sie das je lesen sollte, nicht persönlich nehmen. Hier geht es lediglich um das Fach.

Ich will einfach nur darauf hinaus, dass beinahe alles besser ist, als ein Schulbeginn.
Allein in dem Bewusstsein leben zu müssen, dass man noch und schon wieder ein ganzes Schuljahr vor sich hat, ist eigentlich grausam.
Dazu kommt das unfreiwillige Survival Training in diversen Geschäften wie Libro, beziehungsweise Pagro, wo man eigentlich zu Recht um sein Leben fürchten muss, da Jeder alles will und alles ausverkauft und Jeder sauer ist. Der arme Praktikant, der mit zitternden Händen den nächsten Karton A4-Hefte bringen muss und dem nur eine Wort ins Gesicht geschrieben steht, wenn er die wartenden, ungeduldigen Kinder und deren Mütter erblickt: Angst!
Und diese speziellen Hefte, die Lehrer wollen, gibt es eigentlich gar nicht, weil mittelquart, glatt mit Korrekturrand seit sechs Jahren nicht existiert und nie existieren wird.
Was mich letztes Jahr zu dem Gedanken brachte, ob uns Lehrer einfach schon zu Beginn des Schuljahres testen wollen. Ist der Schüler klug genug, sich ein A4-Heft, glatt mit Korrekturrand zu kaufen und einfach ein Stück abzuschneiden, oder kauft er sich ein glattes Mittelquart-Heft und verbringt zwei Tage damit, einen Korrekturrand einzuzeichnen? Beides schmerzhaft. Schnittgefahr, oder Sehnenscheidenentzündung.

Nachdem ich mich also vorletztes Jahr wie der liebe Herrgott persönlich fühlte, weil ich es geschafft hatte, diese Aufgabe ohne gröbere Verletzungen und nur mit leichten, aber kaum nennenswerten Schnittwunden, zu überstehen, musste ich feststellen, dass es auch in Ordnung gewesen wäre, sich eine Mappe zu kaufen, weil wir ja angeblich lernen sollten, Verantwortung zu übernehmen. Schon wieder ein Test.
Ich beschloss also, diese für mich höchst deprimierende Erfahrung nie wieder zu machen und die Zeit, in der ich früher Korrekturränder gemalt habe, verbringe ich jetzt zum Beispiel mit Schlafen, oder Wolken zählen. Wie auch immer. Alles ist besser, als rote Striche zu malen. Und was kann ich euch sagen: Mein Collegeblock und ich führen seit zwei Jahren eine glücklich Beziehung und es hat sich noch nie jemand beschwert (weil ich ja so verantwortungsbewusst bin). Amen.

Nach zwei Monaten muss man sich also mit dem Gedanken abfinden, wieder einen Fuß auf schulischen und (wie sie immer so schön betonen) staatlichen Boden zu setzen.
Man beginnt also, Ausschau nach ganz gewöhnlichen Dingen zu halten: alten und neuen Mitschülern, dem neuen Klassenzimmer, Notausgängen…
Und während man sich trotz mangelnder, eigentlich nicht vorhandenen, Notausgängen einen Fluchtplan zurecht legt, fällt einem etwas so schwer um den Hals, dass man denkt, dass dies das Ende einer etwas zu kurzen Existenz hier auf Erden wäre, bis dieser Beinahe-Tod einem ins Ohr schreit: „Oh mein Gott, Du hast dich ja SO verändert!“ wobei der spöttischer Blick weder nützt, noch wahrgenommen wird, weil du dir sicher bist, dass du dich in den letzten Jahren, aber sicher nicht in den letzten zwei Monaten verändert hast. Aber nach zwei Monaten Ferien ist man gewillt zu vergeben, weil dich diese Person wahrscheinlich das letzte Mal in der zweiten Klasse gesehen hat, als er oder sie deine Mathehausübung abschreiben wollte und dich seitdem nie wieder auch nur wahrgenommen hat.

Aber es gibt einen Trost: Ab September kann man seine Freunde wieder anrufen und sie fragen, ob sie Zeit für einen haben, weil einem die letzte Fliege dann doch den Rest gegeben hat und man wird den Satz „Sorry, aber ich bin gerade in -“ Kroatien, Island, Amerika, Venedig, Chile, oder sonst ein Ort, wo man sich fragt, weshalb das den eigenen Eltern nicht eingefallen ist, nie wieder hören. Man versteht endlich wieder den Sinn seines Handyvertrages und deshalb werden wir versuchen, uns einfach auf das neue Schuljahr zu freuen – auch wenn es schwerfällt.

MegaCard Scout Valentina

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