Ryan Davis – Routes Of Life (12“, Vinyl)
Ryan Davis sollte einigen von euch bereits Synonym für qualitativ anspruchsvolleren, melodisch-minimalen Techno sein. Seine Debütveröffentlichung "Transformer EP" auf Klang Gymnastik aus Dresden überzeugte durchaus - die letzjährige "My White Zebra EP" auf dem eher unbekannteren Wunderbar Recordings untermalt seinen bisherigen Stil. Seine Musik, insbesondere die der jetzigen ‚Routes of Life’ erinnert mich an Max Cooper, ist aber nicht so prägnant wie dessen, sondern eher linear, melodischer ausgerichtet - trotzdem sind Parallelen bei genauerem Hinhören erkennbar.
Was die "Routen des Lebens" zu bieten haben, und ob hier kein 0815-Werk entstanden ist, werde ich im Folgenden durchleuchten.
Das erste Lied ‚Roads’ fängt, wie sollte es anders sein, mit dem typischen 4/4 Schlag der Kick an. Aus dem Off kommt metallisches Geklapper, welches, wie vorher erwähnt, Parallelen zu Max Coopers Expressions EP erkennen lässt. Aus dem Hintergrund drängt sich langsam eine tiefe Untermalung in das Bild, und schon nach den nächsten paar Takten fängt die Melodie an ihre Runden zu drehen. Nicht lang muss man warten, und man befindet sich inmitten einer wunderbar-verträumten, warmen Sommernacht. Die Hi-Hat beschleunigt mit ihren prägnanten Schlägen das Bild - plötzliches Aussetzen der Bassline - Schwebezustand wird für kurze Zeit erreicht - wir fliegen mit dem Lied, es reißt uns mit, um uns sofort danach mit warmen und vollen Electroklängen wieder auf den Boden zurückzuholen.
Das fundamentale Grundelement der Melodie ist das sich ständig wiederholende Glockenmuster, welches hin und wieder von analog-klingenden Instrumenten begleitet wird. Das Lied baut sich weiter auf um dann wieder in die Schwebe zu geraten - zweiter Höhepunkt. Die Bassline entschwindet, die Glockenklängen setzen für kurze Zeit aus, der Hi-Hat raubt es den Atem. Stillstand... unmittelbar danach die Komposition - diesmal vollständig erklingend. Das Lied baut sich wieder ab, entlässt uns sehr schnell zum zweiten Arrangement.
‚Loophole’ ist nicht unbedingt das was man auf den ersten Blick vermuten könnte: Monotone Wiederholung ein und desselben Loops, ohne jegliche Ausmalung. Lies uns das erste Lied, Roads in vorher undurchdringbare Sphären schweben, so bildet dieses Lied ein tristes Bild unserer Umwelt. Die typische Bassline wird hier noch präziser, und bekommt einen schärferen Charakter durch den Hi-Hat Akzent. Auch hier erwarten uns Electroklänge, diesmal aber tiefere, traurigere Elemente. Der Bass dreht seine Runden im Loop, während im Kopf die Triangelsegmente die Oberhand gewinnen. Vom Aufbau gefesselt merkt man nicht, dass man sich bereits inmitten des Höhepunktes befindet. Eine entferne, düstere Klarinette erklingt - Elemente die an James Holdens ‚The Idiots are winning’ erinnern.
‚Sideways’ ist der melancholische Abschluss des Hauptteiles. Bis jetzt erlebten wir exzessive Fröhlichkeit und wütend-triste Loops. Der Rhythmus wird bei den Seitenwegen von Bassline und Hi-Hat bestimmt. Auch hier legt der Künstler Wert auf eine frühe Unterbrechung, gleich nach dem ersten Aufbau, mit den ersten Melodieklängen. Das verleiht allen Tracks, aber insbesondere ‚Sideways’, einen schnellen Charakter. Nach dem ersten Höhepunkt entschwindet die Melodie zuerst, wird ersetzt durch ein regelmäßiges Aufhören einer Art Trompete. Wie Nadelstiche - sehr dezent, trotzdem schmerzhaft. Doch bei diesem Lied erhält der Satz durch die Metapher eine positive Bedeutung. Ständiges Auf und Ab wird uns von der Melodie, den Triangelklängen, der fernen, verzerrten Trompeten und der tiefen Untermalung suggeriert. So soll es sein, und das fast ganze acht Minuten lang. Mein Favorit!
Fazit:
‚Routes of Life’ nennt sich das Prachtwerk. Doch wieso gerade Routen, Wege? Ryan veranschaulicht mit jedem der einzelnen Lieder einen eigenen Lebensmoment - wenn man so will, das "Verliebtsein". Zuerst sieht man die Welt durch die rosarote Brille: Überall Fröhlichkeit, aufblühende, gedeihende Flora und ein wunderschönes Bauchgefühl (Roads).
Anschließend kommt es zum Streit - Wut mischt sich mit Traurigkeit, man weiß nicht wohin, man lebt in den Tag hinein (Loophole). Doch am Ende muss man sich eingestehen, dass es zwar eine schöne Zeit war, sie aber vorbei ist (Sideways). Man kommt vom ursprünglichen Weg ab, nimmt seine Erinnerungen und Erfahrungen mit, und begibt sich auf einen neuen, noch spannenderen Weg.
Nikola Marinkovic
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