Paul Kalkbrenner – Berlin Calling
Paul Kalkbrenner war, bis zum Erscheinen dieses Albums, das Berliner Untergrundgenie in Sachen Elektronischer Musik. Seine früher veröffentlichten Alben „Superimpose“ etc. verhalfen ihm zwar zum Erfolg, aber der Durchbruch gelang ihm erst mit dem Album zum gleichnamigen Film Berlin Calling. Die CD erschien Ende 2008 beim Berliner Label Bpitch-Control, und enthält vierzehn Lieder.
Aaron bildet den Anfang des Albums. Gleich zu Beginn wird man in die traumhaft neue, elektronische Welt hineingeworfen. Ohne Vorwarnung. Die Gitarrensamples avancieren gemeinsam mit der Hihat und der nun dazugekommenen Bassline zum grandiosen Eröffner. Nach rund zwei Minuten setzen Bassline und Hihat aus, und kündigen mit ihrem Wiedereintreten an, dass wir gleich den Höhepunkt erwarten können. Dieser lässt nicht lange warten; nach einer weiteren, endlos scheinenden Minute setzt die Bassline nun komplett aus. Im Hintergrund werden Melodien hin und her gefadet, die Melodie der Gitarre passt sich der Melodie an, man schwebt auf einer Wolke, und sinkt durch die Bassline langsam wieder zu Boden. Queer Fellow ist als eine Art Übergang gedacht – doch das heißt nicht, dass es diesem Lied an Qualität fehlt. Springe Breakbeats, Samples die sich nicht einordnen können, und die Melodie, sind in ihrem Chaos ein klug gewählter Übergang zum nächsten Lied. Denn dieses hat es in sich: Keine Breakbeats, sondern eine sehr warme Bassline erwartet den Hörer bei Azure. Wieder arbeitet Paul auch hier mit einer passenden Hihat, welche nur aus seinem Sammelsurium hätte stammen können. Im Hintergrund lässt sich der tiefe, soulige Bass heraushören, der die Melodie vor sich hin spielt. Nach und nach kommt auch langsam das verzerrte elektrische Piano zum Einsatz, welches beim Aussetzen des Basses seinen Höhepunkt hat. Das ganze Lied wird langsam leiser, und macht Platz für DEN Sommerhit in der elektronischen Musikszene.
Sky and Sand zählt zu meinen Lieblingsliedern, nicht nur aufgrund der Melancholie, welche dieses Lied in sich hat. Doch ist es nicht auch nur die Melancholie, sondern das Glück, die Hoffnung, die Liebe - trotzdem lässt sich ein Stückchen Verzweiflung aus dem Gesang heraushören. Bestückt mit einer monotonen, einschlägigen Drum, ergibt dieses Lied - nicht nur wegen Fritz Kalkbrenners unverwechselbar schöner Stimme - eine wunderbare Kombination neuer, frischer, sonniger, trauriger - einfach nur, minimalistischer Landschaften, die für jeden anders klingen. Square erinnert ein wenig an Queer Fellow, hat aber keine Breakbeats, sondern eine geordnete Bassline. Hier merkt man sofort: Das Lied ist zum Tanzen da! Besonders hier arbeitet der technikaffine Paul mit vielen Samples, die entweder zurückgespült, hindurch gedehnt, oder sonst wie manipuliert werden, Hauptsache sie passen zum Lied und dessen Rhythmus. Altes Kamuffel wurde speziell für Berlin Calling wiederauferarbeitet. Auch hier liegt die Bassline im Vordergrund, und das heißt: Tanzen! Paul setzt hier auch eine doppelt so schnelle Hihat an, um einen Vorgeschmack auf Torted zu geben. Dieses Lied hat es in sich: Eine schnelle, gefährliche Bassline bestückt mit einer bizarren Hihat – und im Hintergrund die Melodie, die sich langsam heraushören lässt. Das ganze Lied ist eine Dance-Avantgarde für die elektronische Musik. So muss ein Lied zum Tanzen gemacht sein, und nicht anders! Nach drei Minuten setzen die Trompeten zum Höhepunkt an, versuchen kongruent mit der Bassline zu werden, doch gerade das macht den Reiz des Liedes aus: Geordnetes Chaos.
Mango ist das einzige Lied auf dem Album, welches nicht von Paul, sondern vom Kollegen Sascha Funke stammt. Es ist knapp und melancholisch, und enthält als einziges Lied eine elektronische E-Gitarre. Weiter geht es mit QSA. Glocken und eine eintönige Bassline sind hier die Devise. Doch auch ein Akkordeon lässt sich heraushören, deswegen erinnert QSA im Großen und Ganzen an – so komisches auch für ein Elektro-Album klingt – eine Alm.
Castanets besteht hauptsächlich aus Loops, welche von einer Bassline untermalt sind. Hier gibt es keine Melodie, nur die ständige Taktwiederholung gibt eine Art Melodie vor. Bengang ist, wie Torted, ein Lied zum Tanzen. Hier arbeitet Paul mit veränderten Streichinstrumenten, einer typischen Minimalbassline, und Trompetenklängen. Natürlich fehlt auch die Hihat nicht, die ja einer der beiden Hauptbestandteile eines jeden Technoliedes ist. Das Lied macht Lust auf mehr, und das kriegen wir noch. Aber zuerst stimmt uns Peet auf das – meiner Meinung nach – zweitschönste Lied auf dem Album ein. Elektroklänge ät it’s best – würde man in Berlin dazu sagen. Und damit hat man auch nicht allzu weit gefehlt: Das Lied ist eine Kombination aus Electro, Techno und Progressive.
Wer das Dreiton-Signal der Berliner U-Bahn kennt, wird es in dem kommenden Lied sofort wiedererkennen: Paul nahm das Abfahrtsignal der U-Bahn auf, veränderte es digital, und machte daraus ein traumhaft schönes Lied. Einfach zum Verlieben! Den Abschluss von Berlin Calling bildet der Klassiker Gebrünn Gebrünn. Auch dieses Lied für speziell für diese Veröffentlichung neu abgemischt. Hier schlägt die Bassline nicht jeden Takt des 4/4 ab, sondern nur gewisse Stellen, wodurch das Lied einen etwas langsamen, schleppenden Grundeindruck erhält. Doch paradoxer Weise passt sich die Melodie nicht diesem schleppenden Eindruck an, sondern spielt normal weiter vor sich hin. Auch hier fehlen die Elektroklänge bei weitem nicht, es ist ein kluger Schachzug von Paul genau diese epische, elektronische Avantgarde als Abschluss eines besonderen Albums zu wählen.
Das Album ist ein Muss für jeden Anhänger Elektronischer Musik; doch auch für jede Person, die ein wenig in diese Musikrichtung schnuppern will. Berlin Calling ist für mich ein wegweisendes Album in diese Richtung, weit weg vom eintönigen Minimal Techno, hin zu komplexen Melodien und tiefen Einblicken in die Welt der Elektronischen Musik. Auch Personen, die normalerweise nicht diese Musikrichtung bevorzugen, werden bei so viel Auswahl und Vielschichtigkeit auf ihre Kosten kommen. Für mich: Ein absolutes Muss!
MegaCard Scout Nikola Marinkovic

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