Annie
Annie lief die Straße hinunter. Vorher hatte sie noch die Sterne gezählt, jetzt sah sie nur noch zu Boden. Sie fühlte, wie ihre Füße gleichmäßig, in schnellem Schritt auf dem Boden aufkamen und spürte Sekunden später, wie sie wieder in hohem Bogen sprang. Sie rannte, ihre Lunge brannte. Bei jedem Mal einatmen wurde es schlimmer, die kalte Luft setzte sich in ihrem Hals fest. Mit der einen Hand griff sie sich an den Hals, mit der anderen hielt sie den Rucksack noch immer fest umklammert. Annie hörte Schritte hinter sich und langsam vernahm sie auch Stimmen. Zuerst leise, dann jedoch immer lauter und deutlicher. Männerstimmen. Drei Stück. Dann eine Frauenstimme. Aber Annie machte nicht an Anstand stehen zu bleiben. Weiter laufen, immer weiter, nicht stehen bleiben, nicht umdrehen – Annies einzige Gedanken. Du hast es fast geschafft, Annie! Nur weiter! Die sehen dich nie wieder, lauf Annie, lauf! Ihre Haare flatterten im Gegenwind, doch auch das konnte die Stimmen hinter ihr nicht leiser machen. Sie kamen näher, das wusste Annie. Sie musste schnell sein, verdammt schnell. Sie bog in eine Seitengasse ein und lief weiter. Seitenstechen machten ihr zu schaffen, sie löste die Hand von ihrem Hals und klammerte sie an ihre Hüfte. Die Schmerzen im Hals wurden stärker, doch das war Annie egal. Annie bitte, du musst durchhalten, bitte. Gib nicht auf, nicht jetzt. Lauf einfach, lauf Annie! Nicht stehen bleiben, einfach laufen, bitte. Annie lief die Seitengasse entlang und bog nach links ab. Auch diese Gasse lief sie entlang. Die Schritte hinter ihr wurden lauter.
„Du verdammtes Miststück! Wir kriegen dich! Du kannst uns nicht entkommen!“ Es war eine Männerstimme. Annie sah kurz zurück. Die Männer waren ihr gefolgt, die Frau war nicht mehr zu sehen. Annie hatte die Frau abgehängt. Dann blickte sie wieder auf die Gasse vor ihr und rannte. Ihre Gedanken spornten sie an. Als sie das nächste Mal einbog, sah sie wieder zurück und lief weiter. Im nächsten Moment blieb sie jedoch stehen und starrte auf eine große Wand vor ihr. Mist! Nein Annie, das gibt es nicht… lauf zurück! Nein, da kommen die Typen wieder. Dann klettere, klettere Annie! Wenn die dich erwischen bist du tot! Klettere! Annie schmiss den Rucksack über die Mauer und griff mit den Händen auf einen herausstehenden Stein. Es war nass, kalt und rutschig – Annie hatte keinen Halt. Annie, jetzt streng dich an! In der Schule bist du doch die Beste im Klettern! Sie spürte ihre Finger nicht mehr, aber sie versuchte sich an der Mauer festzuklammern. Dann hörte sie die Schritte wieder. Annie wurde nervös. Was, wenn sie es nicht schaffte?
„Da ist das Miststück! Na warte, wenn ich dich erwische!“, schrie der eine. Annie starrte auf die Männer. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie kamen, Annie würde es nicht schaffen. Die Mauer war über drei Meter hoch. Mit letzter Kraft zog sie sich an der Mauer hoch und sprang kopfüber drei Meter in die Tiefe. Sie spürte den Wind, sie wusste, dass sie fiel. Annie versuchte sich zu drehen. Man hörte einen kräftigen Aufprall. Annie lag am Boden. Sie wollte schreien, aber sie brachte keinen Laut heraus. Wie weh das tat. Annie hatte sich gedreht, aber nicht genug. Sie war mit der Hüfte gegen den Steinboden geknallt. Annie griff sich an ihre Hüfte.
Nicht weinen, Annie. Du hast es überlebt, siehst du? Die Männer sind weg! Nicht weinen Annie, du bist doch viel zu alt dafür, um zu weinen. Doch langsam glitten Tränen an ihrer Wange hinunter. Sie wischte sie mit ihrer Hand weg und sah, dass ihre Hand nun rot war. Annie blutete. Aber sie musste weiter und zwang sich, aufzustehen. Sie stützte sich mit einer Hand ab, die andere hatte sie an ihre Hüfte gelegt. Ein Stich durchfuhr ihre Hand und sie stürzte wieder zu Boden. Auch als sie versuchte, ohne Hände aufzustehen, schmerzten ihre Beine. Annie begann zu weinen. Sie konnte nicht anders. Die Stimmen hinter der Mauer waren verschwunden. Annie hörte nichts mehr, sie waren wohl weg. Annie zwang sich nun auf die Beine, egal wie weh es tat. Sie wickelte ihren Schal vom Hals und verband sich ihre blutende Hüfte. Dann nahm sie den Rucksack und ging weiter. Sie humpelte. Aber sie war stolz auf sich. Sie war entkommen. Sie war weggelaufen und entkommen. So wie immer.
MegaCard-Scout Victoria Platzer

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